Geschichte(n)
Hier finden sie Geschichten aus meinen Arbeitserfahrungen, an die ich mich gern erinnere.
Momente des Lernens. Epiphanien.
Wie immer bei Erinnerungen dienen auch diese hier vor allem
meinem Wunsch, eine mich zufriedenstellende Biografie zu erzählen.
Keinesfalls würde jemand, der auch zufällig anwesend war, genau die gleiche Geschichte erzählen.
Das ist das einzige, dessen ich mir sicher bin. Viel Vergnügen.
November
Jede Krise ist eine Chance. Und auch kleine Tageskrisen haben das Potential, grössere Veränderungen anzustossen. An einem kalten Novemberabend 2002 kam alles an kleinen Katastrophen zusammen, was einem den Tag gründlich vermiesen kann: Erkältung, nörgelnde Kinder, Handwerker in der Wohnung, heisser Tee auf der Hose im Auto kurz vor meiner wöchentlichen Improtruppe, die ich leitete. Ich hatte mich zum ersten Mal nicht vorbereitet mit einem ausgiebigen Programm und hoffte, keiner würde kommen. Doch sie kamen alle. Und so nahm ich mich zusammen und ließ meine Schäfchen im Raum herumgehen und erst mal etwas einfaches tun. Irgendeine Handlung. Dann nahmen wir diese Handlung als wiederkehrende Szenenanfänge. Und das taten wir den ganzen Abend lang. Danach war ich wieder frisch und munter. Wie alle anderen. Ich habe diesen Zugang in meinen Übungskanon aufgenommen, aber nie wieder war es so gut wie an jenem Novemberabend.
Zuhälter
Ich trat im Herbst 2008 als Soloimprovisierer vor einer 8. Hauptschulklasse im Rahmen eines Bewerbungsseminars auf. 15 Jungs, drei Mädchen. Ca. 8 Jungs fläzten sich provokant in der ersten Reihe. Ich fragte nach einem Ort, an dem meine erste Szene spielen solle. Sie nannten den Marktplatz von Bad Hersfeld und lachten in einer Art, die zeigte, dass sie meinten, ich würde ihren Abhängort blöd finden. Und sie selbst glaubten auch, dass er blöd war. Ich nahm ihn natürlich gerade deswegen und improvisierte eine positive Geschichte, mit der der Ort und damit ihr Leben geadelt wurde. Schritt für Schritt band ich die erstaunten Schüler in die Show ein und scheute mich auch nicht, selber „nur“ den Assistent des erfolgreichen Detektivs zu spielen. Manche Schüler fanden im Laufe dieses Auftritts einen Zugang zu ihrer eigenen Kreativität, der ihnen durch wohlfeile Ratschläge nicht zugefallen wäre. Sie mussten ihn selber finden. In der letzten Szene verwandelte einer der Schüler die negative Eingabe „Zuhälter“ in einen völlig neuen Beruf. Er spielte den Bodyguard eines Rockstars, der die Autotüren „zuhält“, damit die Fans das Auto nicht stürmen können. Er fragte mich später, ob man als Improvisierer Geld verdienen könne.
Desperado
Ich ging als Gitarrenneuling mit einem Freund Mitte der 90er auf Strassenmusiktour nach Italien. Ich sang recht schön, hatte mir aber die Griffe für unser Repertoire mühsam antrainieren müssen. Es reichte gerade so. In Parma trafen wir einen Mann auf der Strasse und er zeigte mir ein neues Lied, Desperado von den Eagles. Viele Akkorde, aber keine unmöglichen. In den kommenden Wochen spielte ich das Lied, das ich sehr mochte, immer wieder für mich. Am tollsten Abend unserer Tournee, einem lauen Sommerabend in der Fußgängerzone von Florenz, sammelten sich etwa 150 Menschen vor uns. Die meisten blieben zwei Stunden. Am Ende nahm ich allen Mut zusammen und spielte Desperado allein, zitternd und mit geschlossenen Augen. Eine Frau kam kurze Zeit nach dem Auftritt auf mich zu. Sie sagte in amerikanischer Aussprache „Thank you for giving me back the feeling of home“, drehte sich um und ging. Seitdem bemühe ich mich nicht um Perfektion, aber immer um einen ehrlichen Kontakt mit Zuschauern oder Kursteilnehmern. Nicht schwach, aber offen und verletzlich zu sein ist der Beginn jeder Veränderung. Und jeder Chance, Mentor zu sein für andere.
Musketier
Ein prägendes Erlebnis in Sachen Timing und Rollenhingabe war ein kleiner Moment während eines rauschenden Silvesterfestes. Das Motto war „Louis XIV.“ und alle Eingeladenen hatten sich in ihren unterschiedlichen Rollen mächtig ins Zeug gelegt. Es war prachtvoll anzusehen. Ich war einer der Musketiere und unterhielt mich später am Abend mit einem meiner Freunde, der den Hofmaler Hyacinthe Rigaud verkörperte. Wir priesen wort- und gestenreich unsere jeweiligen Fähigkeiten, er meine Kriegs-, ich seine Malkunst. Ich hatte den Impuls, meinen Degen zu ziehen. Wir standen neben dem Buffet, ich stach in den erstbesten Tomatenscheibenhaufen und schleuderte eine Scheibe hoch in die Luft. Ohne mich strecken zu müssen landete sie in meinem Mund. Hyacinthe verneigte sich tief. Ich glaube nicht, dass mein überragender Moment ein Zufall war. Ich war einfach ein Musketier.
Katharsis
Einer unserer ersten Auftritte mit dem Fast Forward Theatre war 2004 auf den Psychiatrietagen in Stadtallendorf. Wir spielten dort zwischen den Vorträgen drei etwa 10-minütige Sequenzen. Vor dem zweiten Auftritt war die Stimmung durch die düstere Analyse der finanziellen Situation vieler psychiatrischer Anstalten äußerst angespannt. Wir fragten nach einer “Beziehung zwischen zwei Menschen” und bekamen – nicht überraschend – „Arzt und Patient“. Eine dünne Stimme schlug als Patient einen prominenten - immer noch im Amt befindlichen - Politiker vor, der für etliche Missstände verantwortlich gemacht wurde. Viele bejahende Stimmen zeigten den getroffenen Nerv an. Es wurde schlagartig lebendiger im Saal. Wir spielten diesen Politiker und setzten ihn unter großem Zuschauerbeifall allen uns bekannten klischeehaften Auswüchsen der Psychiatriegeschichte aus. Das kathartische, überbordende Lachen ermöglichte den TeilnehmerInnen, danach wieder konstruktiv weiterzuarbeiten. Wir wurden in der Folge für viele Veranstaltungen im Gesundheitsbereich gebucht.
Liebe in Zeiten des Konvektrols
Komplexe technische Zusammenhänge sind keineswegs ein Hindernis für das Theaterspiel. Bei einem Auftritt mit dem Real Life Game für eine Solarfirma fragten wir nach einer “Liebesbeziehung”. Wir bekamen von einem Zuschauer als Thema: “Die erkaltete Liebe zum Konvektrol”. Das Lachen zeigte an, dass alle Anwesenden vom Fach waren und dieses “Konvektrol” kannten – nur wir nicht. Dem Entwicklungsleiter der Firma stockte der Atem, wie er später bekannte. Wir ließen uns kurz die Funktionsweise des “Konvektrols” beschreiben und übertrugen die Eigenschaften auf eine menschliche Figur, die von einer unserer Schauspielerinnen verkörpert wurde. Nun konnte sich die Liebesgeschichte zwischen dem Entwickler und dem Konvektrol in all ihren Facetten entfalten. Der Entwicklungsleiter brachte uns nach dem Auftritt strahlend drei verschweisste Plastiktüten mit dem unscheinbaren Konvektrol zur Erinnerung an einen unvergesslichen Abend.
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